Im Stadion
Das Stadion der beiden New Yorker NFL-Teams New York Giants und New York Jets befindet sich in New Jersey. Mit dem Bus kommt man für zwölf Dollar hin und zurück. Ein einziger Fan der Oakland Raiders steigt mit uns in das Gefährt. Mit seiner schwarz-silbernen Kluft fällt der Junge sofort auf. Das T-Shirt des dicken, etwas schmierig wirkenden Banditen verkündet auf der Brust in dicken Lettern ein Radier-Motto: "Real Men Wear Black".
Der Typ wird von den Anhängern der Jets aber nicht massakriert, statt dessen entspinnt sich ein friedlich-ironisches Wortduell: "Testaverde ist doch blind! Wie kann man nur so einen Quarterback aufs Feld schicken?", höhnt der Raider und spielt damit auf Vinny Testaverde an, den farbenblinden Spielmacher der Jets.
Die Raiders sehen doch auch nur die Hälfte, schießt der Jets-Fan in Anspielung auf den einäugigen Banditen im Logo der Raiders zurück. Und mit Parcells treten wir euch sowieso in den Hintern da muss unser Quarterback, nicht mal so genau hinsehen.
Der Bus mit den munter diskutierenden Fans fährt durch den Lincoln Tunnel unter dem Hudson River hindurch. Dann erklimmt er eine Anhöhe, die den Fahrgästen einen atemberaubenden Blick auf Manhattan eröffnet. Die Skyline liegt im morgendlichen Dunst, der Himmel ist aber klar und die September-Sonne wirft ein goldenes Licht auf die weltberühmten Wolkenkratzer. Nach 40 Minuten erreichen wir das Meadowlands-Sportzentrum.
Am Stadion reihen sich die Busse in langer Schlange vor dem Haupttor ein. Zigtausend strömen den Eingängen entgegen. Ein allgegenwärtiger Lautsprecher empfängt die Ankömmlinge: "Welcome to the Meadowlands..". Und dann gibt es noch Verhaltensregeln vom Endlos-Band. Trotz des Massenansturms verläuft die Ankunft stressfrei und "smooth". Wir cruisen über die Parkplätze rund ums Stadion. An einem der Verkaufsschalter holen wir die vorbestellten Tickets ab, 40 Dollar das Stück - NFL-Football ist nicht billig!
Die Parkplätze sind restlos überfüllt. Es riecht nach Hamburgern und Spareribs. Überall wird gegrillt. Die Tailgate-Party (Tailgate = Kofferraumklappe) ist Ritual. Jets-Fans haben es sich neben den Fahrzeugen in grün-weißen Gartenstühlen gemütlich gemacht. Grill und Eiswannen mit Bier versorgen den Football-Anhänger mit dem Nötigsten. Aus den Autoradios dröhnt Musik. Rauch steigt auf. Hunderte von aufgesteckten Fan-Bannern wehen im Wind.Viele Fans tragen das Trikot ihres Lieblingsspielers. Die Nummer 80 der Jets ist am häufigsten vertreten: Wayne Chrebet ist absoluter Publikumsliebling. Der Receiver ist mit seinen 1,75 Metern der kleinste Spieler in der NFL auf dieser Position, den Größenmangel macht er aber durch eine enorme Wendigkeit wett.
Noch eine Stunde bis zum Kick Off, der für 13 Uhr geplant ist. Die unzähligen Chrebets nehmen sich Zeit: Erst mal ein ordentliches Steak, dann noch ein paar Minuten den Ball hin und her werfen, und danach gemütlich ins Stadion. Das Haus ist fast voll. Über 72.000 Besucher werden es heute sein. Auch im Stadion herrscht keine Hektik. Jeder weiß, wo sein Platz ist. 90 Prozent der Fans haben eine Dauerkarte.
Die unzähligen Getränke- und Food-Stände sind überlaufen. Jeder bunkert noch mal kräftig Proviant: Das Spiel ist lang, und kein Amerikaner sitzt ohne einen riesigen Plastikbecher voller Coca Cola oder Bier (das nur bis zur Halbzeit verkauft wird) im Stadion. Manche Fans lassen sich viel Zeit mit dem Einkauf, obwohl sich die Teams schon unter lautem Jubel auf dem Kunstrasen aufwärmen, sind noch nicht alle Plätze besetzt.
Der Spielbeginn ist offenbar nicht der Höhepunkt für alle Jets-Fans - ich kann das nicht verstehen, denn für mich ist nichts ist so spannend wie die letzten Minuten vor dem Kick Off. Die Atmosphäre ist dann besonders dicht. Ich schalte einen Moment ab und genieße den Augenblick. Die Sonne strahlt und verpasst mir einen schönen Brand. Ich sitze hier sieben Stockwerke hoch unter 70.000 amerikanischen Fans und sehe meinen Lieblingssport live im Mutterland - unglaublich!
Das Spiel beginnt schleppend. Obwohl Tausende im Stadion sind, ist es nicht ohrenbetäubend laut. Da der Schall nach oben weggeht, höre ich einige Fetzen aus Gesprächen meiner Nachbarn. Einer ruft unüberhörbar gequält in die Menge "Adriaaaan" - und jeder, der "Rocky" gesehen hat, schüttelt sich vor Lachen. Irgendwo skandiert ein Chor: "J-E-T S" - und das gesamte Stadion antwortet: "Jets, Jets, Jets".
Langsam kommt Stimmung in die Massen. Das anfangs träge Spiel entwickelt sich zu einem wahren Krimi. Die Rainers führen zur Halbzeit mit einem Touchdown. Die Spannung bleibt. Die Pause ist 20 Minuten lang. Die eine Hälfte der Zuschauer nimmt an den Ständen neue Verpflegung auf, andere amüsieren sich über die unglaublich schlechte Halbzeit-Show auf dem Spielfeld.Dort stirbt ein Entertainer gerade tausend Tode. Mit einer Handvoll Kinder spielt der Arme eine Art "Reise nach Jerusalem". Die Show ist wirklich miserabel, und die Fans erkennen das schnell. Der Mann auf dem Kunstrasen wird gnadenlos ausgebuht. Das New Yorker Football-Publikum ist eben verwöhnt - das gilt übrigens auch für das Team. Wenn die Spieler schlechte Leistungen bieten, gehen viele Fans einfach vor Spielende nach Hause. Heute kann davon keine Rede sein.
Die Partie steht auf des Messers Schneide. Lange liegen die Banditen vorn, bis Wayne Chrebet (wer sonst) buchstäblich in letzter Minute den spielentscheidenden Touchdown für die Jets fängt. Die Menge rast: überall klatschen Handflächen gegeneinander- "High Five" auf allen Rängen. Am Ende steht es 21:20 für die Jets.
Der geordnete Rückzug setzt ein. Diszipliniert und ohne zu drängeln, bewegen sich die Menschenschlangen auf die Busse zu, die sauber aufgereiht am Stadion warten. Die Lautsprecher scheppern: "Thank you for your visit at the Meadowlands, don´t drink and drive .., ". Der Verkehr bricht zusammen. Kilometerlang steht die Blechlawine im Stau. Wen kümmert's. Im Bus wird gefeiert - ohne Randale, versteht sich. Alle sind aufgedreht, aber friedlich. Genauso habe ich mir das alles vorgestellt: Es gibt nichts Besseres, als ein NFL-Spiel live zu erleben.
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aus dem Buch
Thats American Football von Gerald Meier
Seite 47-49, erschienen im Jahr 2000
Mit freundlicher Genehmigung vom 22. April 2002 per Mail
© Pietsch Verlag Stuttgart
Das Buch kann man u. a. beziehen bei Amazon, BOL oder auch bei Buch 24.de


